glücklich geht auch vorbei

Glücklich geht auch vorbei. Gedanken von Frau Bohne


Hallo liebe Wolke,
lange nicht mehr gelesen, oder?

Kann schon mal passieren, dass man sich länger nicht hört, nicht liest, nicht sieht. Ein bisschen aus den Augen verliert. Gar nicht so selten kommt das vor. Glaube ich.

Länger nicht.

Ja, ich habe dir schon länger nicht mehr geschrieben, meine liebe Wolke. Weil: Fürs Schreiben, da brauche ich mein Herz. Da brauche ich mich. Und ich bin mir selbst in letzter Zeit abhanden gekommen. Hab mich irgendwo links liegen gelassen, weil alles andere wichtiger war. Weil alles andere zu viel war. Dass das keine gute Sache ist, weiß ich. Nur: Manchmal verliert man sich aus den Augen. Das passiert auch mal mit sich selbst.

Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, dann sehe ich mich nicht, dann husche ich an meinem Bild vorbei, weil ich keine Zeit für mich habe. Dann husche ich durch den Tag und schaffe nur die Krümel von dem, was ich eigentlich schaffen wollte, schaffe nie das, was man vielleicht von mir verlangt, und fühle mich unzulänglich. Die Versager Bohne.

Kann nicht.

Der Turm in meinem Kopf an Dingen, die erledigt werden müssten, wird immer höher, die Spitze sehe ich schon nicht mehr, sie liegt in den Wolken. Ich kann dem Kopfturm beim Wachsen zusehen und er versperrt mir die Sicht auf mich.

Weißt du, liebe Wolke, da gibt es nicht viele Menschen in meiner Welt, die sich anhören, was ich manchmal zu weinen habe. Die sich meine Fragen anhören würden, die mich jeden Tag beschäftigen, und ob ich einfach zu schwach für all das bin, was ich zu tun habe. Nein, da gibt es nicht viele.

Team?

Hier gibt es kein Team. Kein Partner in Crime. Kein BFF forever. Oder was auch immer.

„Hallo liebes Wilma Wochenwurm Team“ lese ich jeden Tag in den Mails, die mich erreichen. Und dann muss ich ein bisschen schmunzeln und schaue den Hund an, der immer an meiner Seite sitzt, aber ansonsten nicht viel Ahnung von dem hat, was ich tue. Team.

Warum Mama manchmal nicht mehr kann - Hundeliebe

Ich habe in den letzten drei Wochen mit meiner heiteren (nicht) Covid Infektion, die nicht verschwinden will, die einfach da bleibt und mir der Schnupfen in der Nase feststeckt und die Luft nicht wiederkommen will und mir abends alle Muskeln weh tun – ich habe während der vergangenen 3 Corona-Wochen jeden Tag gearbeitet. Ich habe den kleinen Wilma Shop betreut, Kundenanfragen beantwortet, Downloadprobleme gelöst, gezeichnet, geschrieben, Gedanken tanzen lassen – und die Puppen für meine Tochter – sogar aus dem Bett heraus.

Allein. Kein Team in Sicht. Weder für das eine noch für das andere.

Und warum?

Warum der Aufwand und die Jammerei von Frau Bohne? Weil wir jeden Cent brauchen. Weil wir auf jeden Cent angewiesen sind. Weil ich ganz allein dafür verantwortlich bin, die hohen Energiekosten zu tragen, die Krankenversicherung zu zahlen, die Miete zusammenzukratzen, meiner Tochter Anziehsachen zu ersteigern und das Hundefutter zu kaufen. Ich mache das allein. Da gibt es kein Team. Und ich wünschte, es wäre eins da. Eins, das mir am Ende des Tages auf die Schulter klopft und die Tröte rausholt und feierlich sagt: „Das hast du prima gemacht, aber jetzt ist Feierabend. Feierabend! Hörst du? Feiere den Abend! Schalte den Fernseher ein oder mach dir ein Fußbad! Lies deiner Tochter vor oder halte sie einfach nur im Arm! Egal, was. Aber nun ist FEIERABEND!“

Geht nicht.

Ich kann nicht mehr abschalten. Weil ich mich kurz aus den Augen verloren habe. Da ist das Abschalten schwierig, wenn man nicht bei sich selbst ist. Manchmal glaube ich, wir werden alle nur noch über die Arbeit definiert. Was man da erreicht und wie viel man verdient und wie viel andere. Und das in Zeiten, wo das Geld von allein weniger wird.

Ich arbeite zu viel. Will zu viele Wünsche erfüllen und bin frustriert.

Frustriert von Zahlen, die schwanken und dass die Kurve immer nach unten zeigt. Egal, wie viel ich auch mache. Und je mehr ich mache, desto mehr biegt sich die Kurve nach unten wie ein labbriges Toastbrot.

Ich bin frustriert von mir selbst und von meinen Erwartungen.

Weiß nicht.

Früher habe ich in solchen Situationen meine Mutter angerufen und habe ihr alles erzählt, ihr gesagt, was mich stört – und was ich machen soll, habe ich sie dann auch gefragt. Und meine Mutter wusste immer eine Antwort. So wie ich nun immer eine Antwort für meine Tochter habe – oder jedenfalls so tue, als hätte ich eine. Weil Mamas das können. Wahrscheinlich schon seit immer.

Ich frage meine Mama, weil sie ja weg ist, in Gedanken, aber das ist nicht dasselbe.

Wo?

Wo bin ich denn nun hin, liebe Wolke?

Es gibt Phasen, da laufen die Dinge ganz ok, da kommt so viel Geld rein, dass ich am Ende des Monats auf 0 komme und dann werden meine Sorgen kleiner und ich ein bisschen gelassener. Dann schaue ich wie durch einen Türspalt und entdecke mich. Ein bisschen. Und dann schlägt der Wind die Tür wieder zu und ich tappe im Dunkeln.

Glücklich geht auch vorbei.

Glück?

Was macht mich glücklich? Ich sehe meine Tochter und wie sie immer größer und hübscher und schlauer wird, und ich weiß, sie wird bald so groß sein wie ich, danach größer und wenn wir uns umarmen, fühle ich sehr deutlich, dass sie eines Tages auf mich herabblicken wird. Und ich wünsche mir so unglaublich sehr, ich tue das Richtige und das Beste für sie.

Im Grunde tue ich doch alles nur für mein Mädchen, das irgendwann man in mein Bauch gepasst hat.

Wäre ich allein, hätte ich alles längst aufgegeben.

Mein kleines Leben - Entwicklung Kind

…das war einmal

Ich sehe meiner Tochter zu, wie sie groß wird und wie ihre Flügel immer größer werden. Es gibt nichts auf dieser Welt, was mehr Glück für mich bedeutet. Wenn ich in die blauen Augen meiner Tochter schaue, spiegelt sich darin mein Glück. Das klingt kitschig, aber das ist einfach so, da werden alle grauen Unzufriedenheitsgedanken wieder rosa. Oder himmelblau. Oder grün. Wahrscheinlich sogar bunt.

Glück geht auch vorbei – und kommt wieder.

Ja, das Glück geht im Leben öfter vorbei. Es sagt kurz mal „Hallo“ und ist dann wieder für eine Weile verschwunden. Ich kenne das ja schon. Es ist nichts Neues für mich. Aber es ist anstrengend, das Glück behalten zu wollen. Bei manchen bleibt es von allein, ich musste und muss mich immer so anstrengen, dass es mal wieder zurück kommt. Dabei möchte ich mich so gern einfach kurz ausruhen.

Ich darf mit mir und meinem inneren Team ganz einfach nicht so unzufrieden sein. Wenn man unzufrieden ist, läuft das Glück mit einem Affenzahn an einem vorbei. So schnell kann man gar nicht schauen.

Also reiße ich mich mal zusammen und halte Ausschau nach mir selbst. Vielleicht komme ich ja ohne Covid-Symptome und mit dem Glück an der Hand mal wieder zurück zu mir.

Bis dahin, mach es gut, meine liebe Wolke, und pass schön auf dich auf!


Copyright Hinweis

Text: Susanne Bohne, 2022
urheberrechtlich geschützt

Nutzungslizenz: nur für die nicht kommerzielle Nutzung

(Verkauf, Vervielfältigung, Übersetzung usw. – auch in abgewandelter Form – ist nicht erlaubt)


Über Susanne Bohne Autorin

Hallo liebe Wolke – Wer schreibt hier?

Mama, (Wilma Wochen-)Wurm Expertin ;),
Schriftstellerin für Große und Kleine

Susanne studierte Germanistik und arbeitete als Designerin, bevor sie – inspiriert von ihrer Tochter – anfing, Kinderbücher mit „Wilma Wochenwurm“ zu schreiben und zu illustrieren. Sie findet, dass Humor eine gute Überlebensstrategie ist und dass die kleinen Dinge des Lebens oft größer sind, als sie scheinen. Davon erzählt auch ihr Roman „Das schräge Haus“, der im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen ist.
Auf ihrem Blog „Hallo liebe Wolke“ spricht Susanne mit Wolken über ihren Alltag zwischen Schriftstellerin und Mamasein, und stellt viele ihrer Geschichten und Materialien für Kinder ab 3 Jahren kostenlos zur Verfügung.

Susanne Bohne

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