Robinsonade 2020 Alleinerziehend in der Corona Krise Gestrandet in der Isolation_Susanne Bohne

Robinsonade 2020

Hallo liebe Wolke,
siehst du, wie ich winke?

Gestrandet auf der einsamen Insel, gestrandet in meiner Wohnung. Leider ohne Südsee-Feeling, ohne Palmen und Cocktail mit Schirmchen, Hängematte und rauschenden Wellen am kristallweißen Sandstrand.
Corona, das fiese Seeungeheuer, hat unser Bötchen verschluckt, mit dem wir bei hohem Wellengang durch das Alltagsmeer geschippert sind.

„Haps!“, machte Corona, weg war das Bötchen, aber wir hatten großes Glück, denn das rettende Eiland war in direkter Nähe. Da mussten wir nicht weit schwimmen.

Und deswegen sitzen wir nun also hier auf der einsamen Insel fest, die unsere Wohnung ist. Totale Isolation. Glücklicherweise ist mein kleiner Freitag bei mir, der meistens gut gelaunt ist. Den kleinen Freitag nenne ich übrigens Sonntag, weil er doch an einem Sonntag geboren wurde, und ich bin wirklich heilfroh, dass er bei mir ist. Denn wenn man auf einer einsamen Insel gar keinen mehr zum Reden hat, dann wird es schwierig. Und schwer.


Erster Tag

Am ersten Tag auf unserer einsamen Insel ist alles noch neu und ungewohnt und ich denke mir, das bekommen wir schon hin, ist doch toll, nun haben wir endlich mal richtig viel Zeit für uns und ich setze mich an den Strand und schaue aufs Meer. Endlich ein bisschen Ruhe und keine Brote für die Schule schmieren und keine Verpflichtungen am Nachmittag. Herrlich. Und dann knurrt mein Magen.
Ich schaue an die Zimmerdecke, dort sitzt ein kleiner Weberknecht, der auch ein bisschen hungrig aussieht. Nudeln, denke ich, Nudeln wären jetzt toll.


Seit Tag 2

Wenn man einen kleinen Sonntag hat, der ungefähr fast sieben Jahre alt ist, der will auch auf einer einsamen Insel was erleben. Der wetzt herum, der vermisst alles und jeden und das Spielen mit den Freunden und das Kuscheln mit dem Opa. Und wenn Sonntag an das Kuscheln mit Opa denkt und an seine besten Freunde, dann wird sie ganz traurig.

Vielleicht legt sich Sonntag deswegen seit dem zweiten Tag nachts zu mir, kuschelt sich ganz dicht an mich. Und ich mag das hin und wieder sehr. Ab und zu ist es allerdings so, dass, wenn man auf einer einsamen Insel gestrandet ist und sowieso den ganzen Tag miteinander verbringt, man nachts ein bisschen für sich sein möchte. Also ich möchte das jedenfalls, aber was ich möchte interessiert in dieser Zeit niemanden, deswegen ist das schon ok so.


Tag 3

Am dritten Tag wird zufälliger- und dankenswerter Weise eine große Packung Toilettenpapier an den Strand gespült. Manchmal werden Träume wahr.


Tag 4

Am vierten Tag dämmert mir, dass die Tage immer länger werden. Meine Arbeit stapelt sich gemeinsam mit einer To-do-Liste auf dem Schreibtisch, der nachts angespült wurde. Seltsam, denke ich, dass mich ausgerechnet Steuerunterlagen und anderes blödes Zeug bis in die Isolation verfolgen. Aber dann dämmert mir noch etwas: Obwohl die Tage immer länger und zäher werden, obwohl doch plötzlich so viel Zeit übrig ist, schaffe ich so gut wie nichts.


Tag 5?

Als ich am Morgen des fünften Tags aufwache, muss ich überlegen, welcher Tag heute ist. Der vierte? Der sechste? Vielleicht schon der zwanzigste?


Tag ?

Nächster Morgen. Habe vergessen, der wievielte Tag heute ist. Jedenfalls trage ich eine frisch gewaschene Jeans und keine Jogginghose. Wenigstens das habe ich mir vorgenommen, auch weil ich mich vor Verwahrlosung fürchte. Scherz.
Wir haben die Insel aufgeräumt, geputzt und Altes aussortiert. Selbst Sonntag hat mitgemacht.
Corona als Chance.
Sagenhaft.


Tag ??

Übernächster Tag: Heute ist jemand an unserer Insel vorbeigeschwommen. (Also eigentlich ist jemand mit seinem Hund vor unserem Wohnzimmerfenster Gassi gegangen, der Hund erinnerte mich aber etwas an eine Robbe. Der Hundebesitzer auch.)

EIN MENSCH! Ein echter Mensch!, dachte ich und wäre beinahe in Tränen ob einer unglaublichen Wiedersehensfreude ausgebrochen. Toll. So sehen also andere Menschen aus.


Zwei Tage später.

Sonntag hat keine Lust auf Schule. Also auf Schule schon, aber da darf sie ja nicht hin. Sie hat eher keine Lust auf mich. Auf mich als Lehrerin. Sonntag ist übrigens sehr streng mit mir und lässt mir nichts durchgehen. Gar nichts.
„Meine Klassenlehrerin Frau R.  macht das so aber nicht!“
„Mama! Du bekommst Ärger mit Frau R., wenn ich das so machen soll!“
Und so weiter. Und so fort.

Es ist anstrengend. Manchmal möchte ich aus den Mathebüchern lieber Papierschiffchen basteln. Aber das würde Sonntag auf die Palme bringen.


Nach weiteren drei Tagen.

Der kleine Weberknecht in der Zimmerdeckenecke ist verschwunden. Vermutlich verhungert. Wir haben noch Nudeln und Kartoffeln. Toilettenpapier auch. Wir fühlen uns wie Könige. Ach, was sage ich, wie Kaiser.


Einen Tag später.

Sonntag motzt mich an, ich würde sie einsperren. Wie im Gefängnis müsse sie hier leben. Ich antworte, dass es ja nun wirklich nicht meine Schuld sei, verdammichnocheins, und dass bestimmt alles wieder gut werden wird. So wie früher. Als das rote Flatterband noch nicht um den Lieblingsspielplatz gespannt war. Als ich Brote schmieren durfte. Als Sonntag mit ihren Freunden zusammensein durfte und ich ein bisschen Me-Time hatte.

All das fühlt sich an, als hätte ich die letzten ca. vierzig Jahre meines Lebens nur geträumt.


Am Abend des übernächsten Tags.

Heute habe ich mittags überlegt, ob ich mir morgens frische Socken angezogen habe. Konnte mich aber nicht erinnern. Fürchte, ich werde vergesslich. Sonntag war mit Osterbasteleien beschäftigt. Ich frage mich, wo der Osterhase auf dieser 65 Quadratmeter-Insel Ostereier verstecken will. Ob der Osterhase mit einem Motorschnellboot unterwegs sein oder mit dem Hubschrauber die Osterkörbchen abseilen wird.

Lustige Gedanken.
Krasses Abenteuer.

 

… 2 be continued …

 


 

 

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