Warum Mama manchmal nicht mehr kann

Warum Mama manchmal nicht mehr kann.

Warum Mama manchmal nicht mehr kann.

Hallo liebe Wolke,

es ist 6.15 Uhr, mein Handywecker klingelt. Langsam taste ich auf meinem Nachtkästchen herum und will am liebsten das Handy gegen die Wand pfeffern. Stattdessen drücke ich auf „Schlummern“, Galgenfrist. Seit Wochen, Monaten – gefühlt seit Jahren – öffne ich als erstes die Tagesschau-App, um zu schauen, welche Supermutante sich nun wieder mit den Apokalyptischen Reitern auf den Weg gemacht hat, um die Menschheit auszurotten, wie die Infektionszahlen aussehen und aufs Wetter schaue ich auch noch. Yeah: 90% Regenwahrscheinlichkeit, 4 Grad. Herrlich.

Katzenbabyvideos

Ich weiß, es ist keine gute Idee, so aufzustehen. Jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe, nehme ich mir vor, mit Delfingesang aufzuwachen und mir Katzenbabyvideos am Morgen anzuschauen, statt über Triage zu lesen. Schaffe ich aber irgendwie nicht. Mit Negativ-Nachrichten im Kopf stolpere ich aus dem Bett. Der Hund begrüßt mich schwanzwedelnd. Immerhin. Und fast genauso süß wie Katzenbabys.

Die ältere Dame

Der Wasserkocher rauscht wie eine Boeing im Landeanflug, im Bad ziehe ich mich an, putze Zähne, schaue mich an und erkenne die ältere Dame im Spiegel nicht. Wer (zum Teufel!) ist das nur? Egal, ich habe keine Zeit, um darüber nachzudenken und bin in 12 Minuten fertig angezogen und wenigstens gewaschen und gekämmt. In der Parfümerie war ich schon lange, lange, lange nicht mehr. Wie gern habe ich mich früher (in einer geradezu prähistorischen Zeit) beraten und von kunstvoll geschminkten Damen mit Pröbchen bewedeln lassen… hat Make-up eigentlich ein Haltbarkeitsdatum? Ich weiß nicht, wie lange meins schon im Schrank steht und die Hoffnung auf Benutzung wahrscheinlich längst aufgegeben hat.

Testen, Testen, Testen

Meine Nase läuft. Das darf doch nicht wahr sein. Wir leben seit knapp zwei Jahren wie die Einsiedler hier. Ich kann mich doch quasi nirgendwo mit irgendetwas angesteckt haben. Was soll der Mist jetzt?
Die Schnelltests habe ich auf dem Kühlschrank geparkt. Also klettere ich auf den Stuhl und ich beginne, den Tag innerlich abzuhaken. Während ich Birnen und Bananen für die Pausenbox kleinschneide, läuft der Antigentest. Und ich bete. Negativ. Dann kann ich ja unbesorgt meine Tochter wecken gehen.

ZU FRÜH

Sanft streichle ich dem kleinen, großen, blondgelockten Engel über den Rücken und flüstere: „Aufwachen, mein Mäuschen!“ Meine Tochter dreht sich mit einem Ruck um und blökt verschlafen. „Lass mich, Mama!“, hat sie wohl gesagt. Aber das kann ja nicht sein. Meine Tochter würde mich doch nicht so anraunzen, oder? Ich probiere es also noch einmal.
„Poooaaaach!“, ist die Reaktion des Engelchens aus dem Bett. Ich möchte weinen. Morgen schalte ich einfach den Deckenfluter ein und werde einen Appell ins Zimmer brüllen. (Werde ich natürlich nicht.)
Ich sage verständnisvoll „5 Minuten noch“ und schlurfe in die Küche. Meine Nase läuft wie ein Wasserfall.

Nach 10 Minuten rufe ich aus der Küche: „Du musst aufstehen, sonst kommst du zu spät!“
Eine kleine Gestalt tappst ins Wohnzimmer und schmeißt sich aufs Sofa. Ich trinke einen Schluck Kaffee und füttere den Hund. Mein Kopf beginnt zu brummen.

Zeitplan

Frühstück serviere ich nach Zeitplan. Zwischendurch suche ich Nasenspray und Taschentücher. Eine Ibuprofen wäre auch nicht so schlecht. Aber egal, das Kind muss angetrieben werden, die Uhr tickt gegen uns: Jetzt iss doch bitte dein Frühstück. Bitte anziehen. Ja, auch das Unterhemd. Nein, heute keinen Rock, zu kalt. Zähneputzen. Warum putzt du die Zähne in der Küche? Geh bitte ins Bad. Komm, ich mach dir die Haare.

Haare bürsten und frisieren. Bei dem kleinsten Miniknötchen, das ich so sanft herauszukämmen versuche, als würde ich eine Hirn-Op unter dem Elektronenmikroskop durchführen, schreit meine Tochter als würde ich ihr wirklich schlimme Dinge antun. Dass die Nachbarschaft noch nie angeschellt hat, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei, ist wirklich ein unfassbares Wunder. Der geflochtene Zopf ist fertig, es hat auch gar nicht weh getan. Nur kurz meinen Nerven.

Aufbruch

„Musst du noch mal aufs Klo?“, meine obligatorische Frage seit ca. 6 Jahren bevor wir das Haus verlassen.
„Poach, Mama, ich bin doch kein Baby mehr!“
„Tschuldigung“

Meine Tochter, und das ist wahrscheinlich auch so eine gesellschaftliche Corona-Nebenwirkung, geht nicht allein zur Schule. Vielleicht auch, weil hier in der Ecke kein Mitschüler wohnt und morgens ist es dunkel, und ich kann also mitlaufen. Ist ok, der Hund muss ja auch raus. Kein Problem.

Ich ziehe also dem Hund ein Pullöverchen an, was reichlich bescheuert aussieht. Geschirr drüber, Leine dran. Ich muss mir die Nase putzen und fühle mich nur so mittelgut. Meine Tochter sitzt auf dem Boden und hatte eigentlich vor, ihre Stiefel anzuziehen, aber dann ist offensichtlich irgendeine Playmobilprinzesinnenfigur unter der Kommode herausgekrabbelt, die nun bestaunt wird: „Die habe ich seit Jahren gesucht!“
„Ok, cool, dass du sie gefunden hast, aber wir müssen jetzt weiter. Du musst um Viertel nach 8 an der Schule sein. Heute geht ihr doch ins Theater. 8.15 Uhr – es ist 7.50 Uhr, wir gehen jetzt.“
„Aber Mama! Ich habe schon so lange nicht mehr mit ihr gespielt!“
„Die muss leider hier auf dich warten“
„Poach. Du bist so gemein!“

Auf dem Weg

Warum Mama manchmal nicht mehr kann - Hundeliebe

Draußen regnet es. Mit dem Schirm in der einen Hand, ziehe ich an der anderen den Hund hinter mir her, der deutsches Novemberwetter wirklich hasst. Wer kann es dem Spanier verdenken? Meine Mütze rutscht ständig nach oben und ich sehe wie ein Schlumpf aus. Dazu läuft mir die Nase, das wird ein fieser Schnupfen. Meine Tochter kündigt an der Straßenecke an, sie müsse doch noch mal eben zurück und auf die Toilette. Ich will ins Bett.

Wir nähern uns der Schule. Heute fährt die gesamte Schule ins Theater. Ich weiß nicht, ob das bei der derzeitigen Pandemielage so eine super Idee ist. Eigentlich finde ich, ist das eine absolute Mistidee. Aber wer fragt mich schon? Und die Kinder haben zwei (2!) Jahre lang auf so viel verzichtet, meine Tochter liebt Theater, ich bin so unsicher, was noch geht – und was eben nicht. Mit FFP2-Maske wird das Virus vielleicht, hoffentlich, bitte, einen Umweg machen und meine Tochter in Ruhe lassen. Hoffentlich. Ich habe Bauchschmerzen wegen diesem Ausflug.

Die Schulglocke klingelt. Das hören wir sehr deutlich, obwohl wir noch nicht angekommen sind. So wie immer um 8 Uhr klingelt die doofe Schulglocke. Die Kinder müssen heute erst um 8.15 Uhr da sein. Aber das hat meine Tochter offensichtlich vergessen.

Tränen

Sie rast ganz unvermittelt los. Der Hund kackt gerade an den Wegesrand. Ich rufe meiner Tochter zu, sie soll warten. Tut sie aber nicht. In affenartiger Geschwindigkeit biegt sie um die nächste Kurve, ich habe keine Chance hinterherzukommen. Meine Nase läuft, ich brauche ein Taschentuch.
Ich rufe, aber sie hört nicht auf mich. Oder hört mich nicht. Ich weiß es nicht.

Ich mache ein paar Meter gut, der Hund will lieber auf der Wiese schnüffeln, ich ziehe ihn weiter. Dann höre ich meine Tochter weinen.

Manchmal weint sie wie ein Kindergartenkind. Sie steht mitten auf dem Weg, Mütter und Schüler laufen um sie herum Richtung Schule. Sie weint so bitterlich, wie ein kleines Kind, und ist völlig kopflos, weil sie nicht zu spät kommen will und weil sie ins Theater will und weil der ganze Coronamist so nervt und weil sie nicht groß werden will und weil sie nicht auf mein Rufen gehört hat. Und überhaupt. Manchmal ist sie überfordert. Hochsensibel wie sie ist.

Nerven

Meine Tochter steht im Regen, hat ihren Regenschirm auf die Wiese geworfen. Der liebe Gott weiß, ich bin so unfassbar geduldig. Ich habe wirklich so viel Empathie. Mitgefühl. Für sie. Für meine Tochter. Aber heute Morgen bin ich sauer. Wenn sie einfach mal angehalten hätte, als ich ihr nachrief, wäre doch alles gut gewesen. Also sage ich, ok ich schnauze etwas: „Lauf doch nicht einfach weg!“

In dem Moment geht eine Mutter an uns vorbei, die mit mir diskutieren möchte. Über meine Worte. Über meine Wut. Über meine Verzweiflung. Über meine Müdigkeit. Über meine laufende Nase. Über meine Unfähigkeit. So kommt es mir vor. So kommt nämlich alles zusammen an diesem Morgen. Aber ich habe keine Lust, mich vor fremden Frauen zu rechtfertigen. Ich kann nicht mehr.

Ich tröste meine Tochter und bringe sie bis zum Schultor, wünsche ihr viel Spaß, nehme ihren Schirm mit nach Hause und mache mich auf den Rückweg. Meine Nase läuft, ich sehe wie ein Schlumpf aus.

Warum Mama manchmal nicht mehr kann.

Warum Mama manchmal nicht mehr kann?
Ich laufe nach Hause und dort wartet ein Spülberg auf mich. Dort wartet mein Papa am anderen Ende der Telefonleitung, dass ich ihn anrufe, weil er seit dem Tod meiner Mama so allein ist. Dort wartet meine Arbeit. Richtig! Ich arbeite ja auch noch! Glaubt mir aber keiner, weil ich ja zuhause arbeite. Und Schriftstellerin! Das ist ja auch mal ein schönes Hobby, ne? Poach. Ich kann es nicht mehr hören.

Jetzt ist es 9.55 Uhr. Um 11.30 Uhr muss ich meine Tochter wieder abholen. Ich kann mich jetzt entscheiden, was ich tue: Aufs Sofa und Tee trinken, hoffen, dass der Schnupfen besser wird. Oder arbeiten. Oder spülen.

Nein, heute weine ich einfach mal ne Runde und frage mich, warum Mama manchmal nicht mehr kann.

Mach’s gut, meine liebe Wolke, und bis bald!

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