All-inclusive Auszeit. (Oder: 5 Tage Krankenhaus)

Hallo liebe Wolke, 
kennst du das?
Da gehste Montagmorgens um 8 Uhr zum Arzt, weil du da so ne blöde Ahnung hast, dass das blöd sein könnte, was dich da im Bauch so zwackt. Das ist ungefähr so, als wenn man so ne blöde Ahnung hat, dass es heute auf jeden Fall noch regnen wird – und zwar genau dann, wenn du gerade aus dem Auto/Bus/Bahn steigst und keinen Regenschirm dabei hast.   

Jedenfalls, um das abzukürzen: Blöde Ahnung gehabt, Hausärztin runzelt die Stirn, Gallenblasen-Aua, schwupp, Notaufnahme Krankenhaus, Nadel im Arm, schneller als man seinen Namen buchstabieren kann. Super, dabei hätte ich doch noch so viel zu erledigen gehabt und überhaupt: Meine Tochter muss von der Schule abgeholt werden und braucht Abendessen und einkaufen müsste ich dann auch noch. Und so. 

„Ne, ne“, sagt der Arzt. „Sie müssen schon hierbleiben.“
Ach du Scheiße, denke ich, sage das aber natürlich nicht. 
Als ich vom Bauch-Ultraschall komme, denke ich immer noch „Ach du Scheiße!“, und stoße halb mit einer Notärztin zusammen. Wir schauen uns an und mir wird klar, dass eine Klassenkameradin vor mir steht, mit der ich vor hundert Jahren Abitur gemacht habe. 
„Hallo!“, sage ich. Sie auch. So sieht man sich wieder.
Mist, denke ich, so hatte ich mir das mit einem Klassentreffen nicht vorgestellt, ich bin weder geschminkt, noch großartig gekämmt, immerhin hatte ich morgens noch Zähne geputzt. Immerhin.

„Und du bist Autorin geworden?“, fragt sie und ich freue mich ein bisschen, weil sie das weiß. Dann zwackt mein Bauch wieder und ich muss weinen, weil ich an meine Tochter denke und gerade nicht weiß, wie alles weitergeht
„Bin ich hier im Erdgeschoß?“, fragt meine Klassenkameradin, die jetzt Notärztin ist und sich vielleicht verlaufen hat, und ich schniefe und sage ja und dann geht sie und ich auch. 
„Wir sehen uns.“, sage ich noch.
Wahrscheinlich eher nicht, denke ich.

Es ist Mittag, ich darf nichts trinken. Essen natürlich sowieso nicht. Naja, werde ich schon aushalten, denke ich und beziehe ein nettes Zweibettzimmer. Meine Zimmernachbarin heißt Doris, aber sie ist gerade noch nicht da, sie wird operiert, da ist man ja meist erstmal im Land der Träume und nicht so richtig da. 
Ich sitze auf dem Bett, in meinen Arm wird mit Schubrakete Antibiotikum geschleust, schaue aus dem Fenster und denke daran, dass ich vor sechseinhalb Jahren hier in diesem Gebäude gewesen war und meine Tochter auf die Welt gebracht habe. So sieht man sich wieder.

Doris fängt an zu plappern, sie ist wieder da, ach du Scheiße, denke ich, wenn das jetzt die ganze Zeit so geht. Und das wird es. 
Nachts pampe ich den Nachtpfleger an, der mir den Antibiotika-Tropf wechselt, weil ich gerade mal kurz eingeschlafen war und denke, ein fremder Mann würde in meinem Schlafzimmer stehen. Sehr unangenehm. Ich schlummere zwei Stunden bis Doris wieder anfängt zu plappern.

Doris plappert, plappert, plappert und schaltet morgens um 5.30 Uhr den Fernseher ein, dass mir Lichtblitze vor den Augen zappeln. Sie erzählt mir von Serien, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, dann pupst sie laut, ich möchte nach Hause und krame nach meinen Kopfhörern, um Musik zu streamen und dann sagt mein Handy, dass ich das Datenvolumen verbraucht habe. Ach du Scheiße, denke ich.

Zwischendurch weine ich, weil ich mein kleines Leben so sehr vermisse. Ich meine, ich habe mich seit Jahren, Jahren, Jahren mal nach einer Auszeit gesehnt. Mal nicht aufstehen, mal nicht Essen kochen, mal nicht alles, alles, alles erledigen, was so zu erledigen ist. Und jetzt liege ich in diesem verdammten Bett und schaue dem Antibiotikum beim Tropfen zu und die Zeit dehnt sich wie Hubba Bubba in der Extra-Ausgabe. 
Wie, verdammichnocheins, kann das bitteschön sein? Sonst rast die Zeit, dass ich nicht mehr hinterherkomme. Ich verstehe es nicht.

Am ersten Morgen versucht die neue Schwesternschülerin meinen Puls mit dem Ohrthermometer zu messen. Das ist ein bisschen ulkig, aber ich sage nichts, weil es ja ihr erster Tag ist. Da muss man schon Rücksicht nehmen, finde ich. 
Doris bekommt Frühstück, Mittag und Abendbrot. Ich bekomme nichts. 
Mittlerweile fühle ich mich, als wäre ich in der Sahara gefangen. 
Trinken….gebt mir trinken… bitte… Wasser… wo ist die Oase?…. 

Tag 3 startet auch nicht anders als die anderen. Doris plappert, pupst und poltert herum, ich will nur noch Wasser. Darf ich aber immer noch nicht. Nur Antibiotikum. Auf meiner Zunge wächst ein Fell. Ach du Scheiße, denke ich. Bah. Widerlich.
Ich vergesse Zeit und Raum, irgendwie überhöre ich sogar Doris. 

Offensichtlich helfen die Gallonen voll Antibiotikum, ich darf wieder was zu mir nehmen. Warme, klare Brühe zum Frühstück an Tag 4. Es ist das beste Frühstück, das ich jemals hatte. 

Doris zieht aus. Die hat’s gut, die darf nach Hause. 

Ihre Nachfolgerin ist Frau Müller, die ältere Dame mit den gebrochenen Rippen, und den Töchtern und den tausend Geschichten und mittags bekommt sie einen Einlauf. Ich flüchte. 

Sitze eine Stunde im Warteraum und starre meine Pantoffeln an. Noch nie im Leben kam mir Langeweile so grausam vor. Jeden Tag werde ich schlapper, so ein Mist, denke ich. 

Ich öffne die Zimmertür: Frau Müller sitzt zwischen unseren Betten auf einem Klostuhl. Ich mache wieder kehrt, warum kann man die Frau denn nicht wenigstens auf die Toilette schieben, frage ich mich und beschaue mir die bunten Glassteine vor den Aufzügen, meine Beine fühlen sich wie Pudding an. Überall diese kranken Leute, das ist nicht schön, der dumme Ständer mit dem dummen Tropf dran rollt nicht richtig, ständig verhaken sich die Rädchen, es macht mich wahnsinnig. Im Nachbargang sehe ich den Arzt herumdüsen, ich frage mich, wie man so viel arbeiten kann wie die Menschen hier, die all die Kranken versorgen. Der Arzt sieht aus wie die indische Version von Tim Bendzko, und ich sehe mittlerweile aus wie einhundertfünf mit fettigen Haaren und schlabbrigen Beinen. Ach du Scheiße, denke ich. 

Dann darf ich nach Hause. Am nächsten Tag. 
Die frische Luft zieht mir fast die Schuhe aus, so viel Sauerstoff, so viel normales Leben. 

Zuhause könnte schöner nicht sein. Nichts könnte sich besser anfühlen als Alltag und die Zeit, die rennt – und nichts, gar gar gar nichts könnte schöner sein als mein kleines Leben in meinem Arm auf unserem Sofa.
Ach du Scheiße, denke ich, ist das aber so, so schön!

Bis bald, meine Wolke.

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